In der Schule habe ich gelernt, daß Karl Marx davon schrieb,
daß Gesellschaftsordnungen dann zerfallen,
wenn sie aufgrund der Werte die sie verkörpern nicht mehr mit den Werten
der Zeit korrellieren.
Dies passiert, wenn die Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsmittel
eine andere Bewertung hervorbringt, als von der Ordnung gestützt wird.
Ist nun die Entwicklung zur "Informationsgesellschaft" der Zeitpunkt,
an dem die westliche Ordnung zerfällt? Einiges spricht dafür:
Verschiedene Autoren beschrieben bereits den KnowledgeWorker als den
"Industriearbeiter" der kommenden Zeit. Diese neue Zunft bildet sich bereits
heraus -- häufig verlacht, da gerade sie andere Werte verkörpern.
Die westliche Gesellschaft darauf fokussiert, daß Individuen Besitz akkumulieren
und damit ihren Lebensraum in dem Tauschsystem "Gesellschaft" begründen.
M.a.W. der Wert des Individuums für die Gesellschaft wird in dem Besitz
gemessen, den zu akkumulieren es fähig war.
(Das das im Kern wirklich so ist -- und für die westliche Gesellschaft auch
gar nicht so schlecht, kann man daran sehen, daß dieser Wert tatsächlich wie
ein Gen vererbbar ist. Allerdings mißt die Gesellschaft ihre Werte 2x:
die langlebigen Werte der Gesellschaft stehen häufig gegen die "taktischen"
Werte des Individuums. Daher entwickeln sich Mythen und Moral.
Das Recht wägt zwischen beiden Interessen. Aber das gehört woanders hin.
Folge ist, daß geerbter Besitz wohl Eigentum ist, aber eine moralische
"Pflegeverpflichtung" mit sich bringt.)
Die Gesellschaft erreicht das,
indem sie individuelle Bedürfnisbefriedigung im Tausch gegen Besitz anbietet
und gleichzeitig dem Mittellosen eine
Perspektive der Angst im Alter oder schwacher Zeit verloren zu sein ausmalt.
Unglücklicherweise hat diese Ordnung keinen Wert für Weisheit.
Das könnte ihr Ende sein.
Das westliche Rechtssystem paßt zur Akkumulation materiellen Besitzes.
Eigentum an Ideen und Wissen, verstößt gegen
elementare Grundsätze (Religionsfreiheit?)
menschliche Rechte (die Gedanken sind frei)
Entwicklungsmechanismen und ~gesetze (lehren, lernen und trainieren)
und offensichtliche Eigenschaften von Information selbst
(man kann Geheimnisse nicht verborgen, nur teilen,
wobei dann beide das Ganze Geheimnis besitzen).
Wägend zwischen diesem moralischen Interesse und dem Akkumulations- und
Verwertungsinteresse, daß das Individuum durch das Tauschgeschäft trainiert,
wurde das Patentgesetz geschaffen mit dem ausdrücklichen Ziel,
Wissen öffentlich zugänglich zu machen.
Gerade dieses Patentgesetz, wurde entgegen seiner ursprünglichen Intension
dem Patenthalter für eine /beschränkte/ Zeit einen Vorteil zuzugestehen,
in einer Zeit, da die Schützwürdigkeit aufgrund der Informationsflut
eher kürzer wird, zu längeren Schutzzeiten hin verändert.
Dies, obwohl es sowieso schon nicht mehr der Situation Herr wird, wie die
ständige Kampf um offensichtlich ungerechtfertigete Patente zeigt.
Zeitgleich mit diesem Kampf gegen das bestehende Rechtssystem
bringt die Tätigkeit der ersten sich
gerade selbst her-ausbildenen Knowledgeworker lustig den Marktplatz
der westlichen Welt auf dem der Wert des Besitzes gemessen wird durcheinander.
Die Entwicklung der Börsenkurse jener Firmen
sind mit ökonomischen Mechanismen und Prinzipien schlicht nicht erklärbar .
Mit Blick auf das Risiko ist eine solche Bewertung nur erklärbar,
wenn man eine Werteverschiebung in der Gesellschaft unterstellt.
Tatsächlich legt der Knowledgeworker andere Werte zugrunde.
Es wäre verfrüht, diese im Detail benennen zu wollen. Das würde zu viel meiner
persönlichen Werte wiederspiegeln.
Statt dessen hier ein paar Stichpunkte und Verweise:
- Das Haupttauschgut ist nicht mehr Nahrungsmittel oder Industrieprodukt
sondern Geistiges
- gleichzeitig ist Eigentum an Wissen problematisch
- Freiheit, insbesondere bei Informationsverwertung ist sehr hoch bewertet
- Einiges steht in einer privaten Mail and ZachBuckner19991207? und seinem Reply
- HomesteadyInTheNoonsphere? beschreit einige Werte
- Open source produktionsprozeß ist unerhört effektiv.
- eXtremeProgramming? zeigt, daß der gleiche Mechanismus für geschlossene
Umgebungen arbeiten /kann/ (das wird dort nicht so formuliert, der geneite
Leser möchte die Parrallele bitte selbst sehen).
- KondratieffWerk (~jerry/doc/CCKondratieff?) legt nahe, daß Wandel ansteht.
- Soziale Probleme gewinnen an Bedeutung. Altersversorgung zerbricht.
Es scheint so, als ob tatsächlich die bestehende Ordnung mit der Entwicklung
der Produktivkräfte gerade nicht mithalten kann. Wenn dem so ist, dann
treffen sich Marx und Kondratieff und sagen mit unterschiedlichen Mitteln
voraus, was wir schon fühlen können: das Ende der bestehenden Ordnung.
Gleichgültig, ob sie Recht haben, wir sollten heute anfangen, nach den Werten
von Morgen zu leben, dann kann's uns nicht überraschen.